23.12.2011 0

Service: Der Skandal um fehlerhafte Brustimplantate der Firma Poly Implant Prothèse (PIP) in La Seyne-sur-Mer zieht immer weitere Kreise. Heute ruft das Gesunheitsministerium dazu auf, Implantate entfernen zu lassen

Brustimplantate: Bundesinstitut rät verunsicherten Frauen, ihren Chirurgen zu kontaktieren

Das französische Gesundheitsministerium hat am Freitag, 23. Dezember, eine Mitteilung veröffentlicht, in der es allen Trägerinnen von PIP-Implantaten empfiehlt, sich diese entfernen zu lassen. Grund für diese Empfehlung, die sich auf die Erkenntnisse einer Expertenkommission stützt, sei die erhöhte Infektionsgefahr, die von den Implantaten ausgehe. Ein erhöhtes Krebsrisiko sei bis heute jedoch nicht erkennbar, heißt es in der Mitteilung des Ministeriums weiter. Auch in Deutschland sind bisher 19 Fälle geplatzter Implantate bekannt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn empfiehlt verunsicherten Frauen in Deutschland daher, ihren Chirurgen zu kontaktieren.

Brustimplantate
Etwa 30 000 Frauen in Frankreich tragen Brustimplantate der Firma PIP

Nachdem in Marseille Ende November eine 53-jährige Trägerin von PIP-Implantaten einem Brustkrebsleiden erlegen war, stellten sich viele Experten die Frage, ob die Silikonpolster auch krebserregend sind. Nach den Erkenntnissen der französischen Gesundheitsbehörden ließen sich rund 30 000 Französinnen PIP-Implantate einsetzen. Die für die Sicherheit medizinischer Produkte zuständigen Agence française de sécurité sanitaire des produits de santé (Afssaps) teilte mit, dass ihr derzeit acht Fälle bekannt seien, in denen Trägerinnen von PIP-Implantaten an Krebs erkrankten; bei sechs dieser Fälle handelt es sich um Brustkrebs. „Bis heute konnte kein kausaler Zusammenhang zwischen diesen Krebsfällen und dem Tragen von PIP-Implantaten festgestellt werden“, heißt es in einer Afssaps-Mitteilung von Mitte Dezember.

Wegen eines fehlerhaften Silikongels besteht bei PIP-Implantaten allerdings das Risiko des Platzens und einer damit verbundenen Infektion. Der Afssaps wurden bislang mehr als 1000 Fälle von geplatzten PIP-Implantaten gemeldet sowie knapp 400 Fälle von Infektionen. in Deutschland sind bislang 19 Fälle geplatzter PIP-Implantate bekannt.

Auch das Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn hat derzeit keine Hinweise auf einen kanzerogenen Charakter der Implantate. „Wir stehen in engem Kontakt mit unseren französischen Kollegen“, betonte BfArM-Sprecher Maik Pommer gegenüber der RCZ. Das Bundesinstitut empfehle allen Frauen, im Zweifelsfall ihren Chirurgen anzurufen und mit ihm das weitere Vorgehen zu besprechen, sagte Pommer weiter.

Die Erkenntnis, dass die PIP-Implantate gravierende Qualitätsdefizite aufweisen, ist nicht neu. Bereits im März 2010 hatte die Afssaps der Firma PIP die Zulassung für ihre Brustimplantate entzogen. Der Grund: Die Implantate waren nach ihrer Einsetzung im Vergleich zu den Produkten anderer Hersteller überdurchschnittlich oft geplatzt. Kurz nach dem Verbot der PIP-Implantate leitete die Staatsanwaltschaft in Marseille ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs gegen das Unternehmen ein. PIP soll, so der Vorwurf der Ermittler, über Jahre hinweg statt des für Brustimplantate vorgeschriebenen Silikongels ein billigeres, „hausgemachtes“ Gel verwendet haben. Auf diese Weise habe PIP jährlich Produktionskosten in Höhe von etwa 1 Million Euro gespart.

Die Firma PIP hat ihren Sitz in dem Küstenstädtchen La Seyne-sur-Mer im Departement Var. PIP wuchs schnell und war bereits Anfang des neuen Jahrtausends der weltweit drittgrößte Hersteller von Brustimplantaten aus Silikon. PIP wird verdächtigt, ab dem Jahr 2001 wesentliche Teile seiner Produktion von 100 000 Implantaten jährlich mit untauglichem Silikongel gefüllt zu haben. Bis zu 80 Prozent der Implantate gingen in den Export, vor allem nach Spanien und Großbritannien.

Wie groß die kriminelle Energie bei PIP war, zeigt die Tatsache, dass die Firma über Jahre hinweg den mit der Zertifizierung der Implantate beauftragten TÜV Rheinland offenbar bewusst täuschte. „Wir haben unter anderem einmal im Jahr ein Audit durchgeführt, bei dem uns andere Produktionselemente gezeigt wurden als diejenigen, die später tatsächlich zum Einsatz kamen“, erklärt Hartmut Müller-Gerbes, Konzernpressesprecher des TÜV Rheinland. Deshalb habe sein Unternehmen auch sofort nach Bekanntwerden des Skandals Klage gegen PIP eingereicht.

Genaue Zahlen, wie viele Frauen sich in Deutschland die fehlerhaften Silikonkissen einsetzen ließen, liegen nicht vor. Ebenso offen ist die Frage, wer für die Kosten einer eventuellen Entfernung der Implantate aufkommt. Bei der Staatsanwaltschaft in Marseille sind bereits mehr als 2000 Klagen gegen PIP eingegangen. Dass die Klägerinnen jedoch jemals zumindest eine finanzielle Entschädigung von PIP bekommen werden, ist derzeit mehr als unwahrscheinlich. Das Unternehmen meldete kurz nach Bekanntwerden des Skandals Insolvenz an.

Peter Hacker

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