17.10.2011 0

Provence & Côte d’Azur: 40 Prozent mehr Raubüberfälle-Fratze des Verbrechens grinst Kulturhauptstadt frech ins Gesicht

Reinster Guerillakrieg in Marseille

In knapp zwei Jahren will Marseille als Kulturhauptstadt Europas glänzen. Die große Chance, das traditionell schlechte Image als Ganovenmetropole aufzuhübschen, ist offenbar erkannt. Während Manager aber an ungezählten wohlgemeinten Projekten arbeiten, macht die zweitgrößte Stadt Frankreichs ihrem miesen Ruf als «südfranzösisches Chicago» (Kriminologie-Professor Alain Bauer) alle Ehre. Die Zahl der Verbrechen steigt ins Uferlose, so dass sich gar der französische Innenminister gezwungen sah, die cité phocéenne persönlich mit dem Ziel zu besuchen, «Recht und Ordnung wiederherzustellen».

Marseille
Notre-Dame de la Garde. © Ville de Marseille

Vierzig blutige Racheakte in 18 Monaten, massenhaft Raubüberfälle (plus 40 Prozent allein in der ersten Hälfte 2011) und andere Gewaltverbrechen (plus 24 Prozent) sprechen für sich. Davon, dass ganze öffentliche Parkanlagen unter und über der Erde von Gangs kontrolliert werden, ganz zu schweigen. Selbst die deutsche Tagesschau berichtet: «Es herrscht der reinste Guerillakrieg.»  

Dabei ist in den letzten Jahren in kaum einer anderen Stadt so viel Geld in die Verschönerung der Altstadt wie das Panier-Viertel und die Verbesserung der touristischen Infrastruktur geflossen wie in Marseille. «Es ist eine neue Art der Bandenkriminalität», wertet die Hörfunk-Journalistin Evi Seibert (SWR). «Jugendgangs kontrollieren den Drogenhandel – sogar mit Kalaschnikows.» Allein 2010 starben durch den Bandenkrieg 16 Menschen. Frankreichs damaliger Innenminister Brice Hortefeux schickte im November nach der Ermordung eines 16-jährigen Straßenjungen Sondertruppen nach Marseille. Der Erfolg der 200 Zusatz-Polizisten war eher mäßig. Bei einer Großrazzia in einem berüchtigten Viertel wurden lediglich ein paar verdächtige Autos und ein bisschen Cannabis gefunden. Von Kokain und Heroin, um die es bei den Schießereien geht, keine Spur. Nach Einschätzung von Philippe Brunetti von der Alliance Police nationale sind die cités von Marseille unverändert in der Hand von Dealern.

Ende August erschien erneut der Innenminister, der inzwischen Claude Guénant heißt – und auch er kam zu keinem Höflichkeitsbesuch. Präsident Nicolas Sarkozy, hieß es, habe ihm angesichts der Unsicherheitslage in Marseille massiv auf die Füße getreten. Und prompt sagte er angesichts alarmierender Lageberichte eine weitere Polizei- verstärkung zu – diesmal um 139 Beamte, davon 39 von der Kripo. Zugleich wurde der beunruhigenden Eskalation der Gewalt ein politisches Opfer dargebracht: Der Sicherheitspräfekt der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur (PACA), Gilles Leclair, musste seine Sachen packen. Für ihn kam Alain Gardère, der mit Sarkozy verwandt sein und bei den Ausschreitungen in Paris nicht gerade erfolglos operiert haben soll.

Marseille steht unter Schock. Viele Bürger geben der Politik die Schuld: «Seit Sarkozy an der Macht ist, wird es immer schlimmer! Er wollte die Vorortghettos mit dem ‘Kärcher’ säubern – nun erschießen sich die Jugendlichen gegenseitig.» Nach Beobachtungen des Reporters José d’Arragon ist «das menschliche Leben dabei nichts mehr wert. Die Jugendlichen sind in den Drogenhandel eingestiegen und bringen sich nun reihenweise um, für die Herrschaft über eine Straße oder über ein Viertel».

Auch Sozialistenführerin Martine Aubry macht Sarkozy für die Misere verantwortlich. Seit 2007 habe er in Frankreich 10 000 Beamtenstellen gestrichen. «Marseille hat heute deshalb 33 Prozent weniger Polizisten als vor vier Jahren.»
Die Polizei reagiert bisher relativ hilflos auf diese Revierkämpfe zwischen den jugendlichen Gangs – auch weil es keinerlei Regeln und kein Erbarmen mehr gibt. Früher, zu Zeiten der legendären French Connection, warnten sich die Untergrundbosse noch gegenseitig, da gab es Rituale, die auch die Gangster eingehalten haben. Die Baby Connection, wie die jungen Bandenbosse von heute genannt werden, habe überhaupt keine Skrupel mehr, sagt der Polizeichef. Die einzige Regel sei, Geld und Macht zu bekommen – egal wie. Die jungen Kriminellen haben das Geschäft übernommen, nachdem die meisten der alten Drogenbosse ermordet waren.

Nun läuft in Marseille alles aus dem Ruder. Es geht um enorm viel Geld: «50 000 Euro pro Tag bringt der Drogenhandel allein in den nördlichen Vierteln von Marseille. Solange es keine Gruppe gibt, die endgültig die Herrschaft in diesem Drogengeschäft übernommen hat, wird weiter gemordet», sagt ein Polizeisprecher. Sogar Kinder werden von den Banden angeheuert, weil sie noch weitgehend strafunmündig sind. Die kleinen Gangster verdienen zwischen 50 und 100 Euro am Tag, doppelt so viel wie ihre Eltern. Und wer in der kriminellen Hierarchie aufsteigt und ganze Quartiere beherrscht, sackt monatlich gut und gerne 30 000 Euro ein – vorausgesetzt, er überlebt.

Der Erfolgsregisseur Philippe Carrese («Plus belle la vie») ist erschüttert: «Mehr noch als die Unsicherheit selbst ist in Marseille das Gefühl der Unsicherheit angewachsen. Überall sieht man junge Leute, die machen, was sie wollen – offenbar die Folge von null Erziehung. Überall dieser Dreck. Dabei hätte Marseille das Potential für ein echtes französisches Äquivalent zu Los Angeles. Stattdessen ist es eine ärmliche und irgendwie ambitionslose Provinzstadt geblieben.»

 Rolf Liffers

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