08.01.2012 0

Menschen & Lifestyle: Zwei Alpendurchquerer berichten von beeindruckenden Naturschauspielen, Wetter-Widrigkeiten und dem Stolz, die Sache durchgezogen zu haben

Zu Fuß nach Nizza

Fünf Monate voller Höhen und Tiefen liegen hinter ihnen: Anita Lechner und Hans Thurner sind zu Fuß von Wien nach Nizza gewandert, einmal den kompletten Alpenbogen entlang, Berg rauf, Berg runter. Bei ihrer Ankunft am Mittelmeer sind die beiden Österreicher erschöpft und von der großen Stadt leicht gestresst, aber froh, endlich am Ziel zu sein. RCZ-Redakteurin Aila Stöckmann hat sie getroffen.

Wanderer
Traumhafte Belohnung: Nach Tagen des Regens erleben Anita und Hans endlich einen klaren Morgen im oberitalienischen Seengebiet

Fünf Monate per pedes durch die Alpen – in Zahlen sind das 101 Wandertage, 88 000 Höhenmeter rauf und wieder runter und eine Strecke von 1800 Kilometern. Fünf Monate, in denen so gut wie alles weh tut, zumindest der ungeübteren Anita. Ganz zu schweigen vom Kopf, der so manches Mal überlistet werden muss. Aber am Ende haben die beiden Abenteurer erreicht, was sie angetrieben hatte: Krankenschwester Anita Lechner, für die das Wandern bisher nicht zu den freiwilligen Beschäftigungen zählte, hat ihren Biss bewiesen, und ihr Lebensgefährte Hans Thurner, Bergführer und Fotograf, sich einen lang gehegten Traum erfüllt: das «Ende der Alpen» zu sehen.

Bis hinter den Horizont
Von seinem Hausberg, dem niederösterreichischen Schneeberg, 50 Kilometer südlich von Wien gelegen, erblicke man gen Westen Berge, die immer höher würden – und die, von dort nicht mehr sichtbar, zum Mittelmeer hin irgendwann wieder abflachen. Genau bis dorthin wollte Hans Thurner, an die Stelle, wo die Felsen ins Wasser abtauchen.

Die Idee, Europas höchstes Gebirge in seiner kompletten Länge zu durchwandern, ist nicht neu. Geschätzt ein, zwei Dutzend Mutige mit genügend Zeit und Geld unternehmen die gigantische Tour jedes Jahr.

Sie erleben auf diese Weise so eindrucksvoll, wie es nur Schrittgeschwindigkeit möglich macht, den schier unerschöpflichen Wandel von Form, Farbe, Flora und Fauna.

«Jetzt habe ich ein ganz neues Bild von den Alpen – von der enormen Größe dieses Gebirges», ist Hans Thurner bei seiner Ankunft am Mittelmeer überwältigt. Seine Eindrücke in Worte zu fassen, fällt dem 47-Jährigen, der in seinem Leben viele Bergtouren gemacht hat und so manchen Gipfel zwischen Wien und Nizza bereits kannte, noch schwer.

Überzeugungsarbeit vorab
Nach fünf Monaten in der Natur, meist allein mit Anita und seinen Gedanken, muss er das Erlebte erst einmal verdauen.

Seine Partnerin hatte er erst überzeugen müssen, mit ihm auf Wanderschaft zu gehen. Schließlich aber hat sie sich von ihm und seinem Vorhaben anstecken lassen. Anita Lechner nahm ein Jahr unbezahlten Urlaub, verkaufte das Haus, brachte die – weitgehend selbstständigen – Kinder unter und schnürte mit Hans Anfang April die Wanderschuhe.

Schon nach der ersten Woche plagte die ebenfalls 47-Jährige die Achillessehne: drei Wochen Zwangspause! Das Abenteuer schien bereits vorbei, bevor es richtig begonnen hatte. Doch der Wille war stärker, und Anfang Mai ging es endlich weiter – und höher: direkt in den Schnee.

Überhaupt sollte das Wetter in den kommenden Monaten Kapriolen machen: Den Juli hätten sie nur nass und neblig erlebt, sogar geschneit habe es nochmal, berichten die beiden. Einheimische bestätigten ihnen unterwegs, es handle sich um einen der schlechtesten Sommer seit Ewigkeiten. «Wir kamen durch wunderschöne Gegenden», sagt Anita, «aber wir haben nichts davon gesehen.» Immerhin war es im Juni, als sie die Dolomiten durchquerten, bereits sonnig und warm gewesen – fast sogar zu heiß.

Zehn, zwölf Stunden täglich marschierten die Zwei, im Rucksack das Nötigste zum Überleben, Zelt und Notration an Nahrung inklusive. Jedes Gramm Gepäck lastete schwer auf dem Rücken, also wurde an allem gespart: «Dünner Personalausweis statt Reisepass – in solchen Dimensionen dachten wir», schmunzelt Anita.

Keine Extra-Touren
Am heikelsten war das Problem der Wanderkarten. Gebündeltes Papier ist durchaus schwer, und wer im Schnitt alle zwei Tage eine Karte durchwandert, hat bald ein ordentliches Päcklein zu schleppen. So wurde, wann immer es möglich war, das gebrauchte Material nach Hause geschickt.

Verlaufen hätten die beiden sich aber auch ohne Karte nicht allzusehr: Gerade in Italien und Frankreich folgten sie den großen, gut beschilderten Wanderwegen. «Wir haben die direkte Route gewählt, südlich des Hauptkamms», sagt der Bergführer.

Die ursprünglich geplanten Kletter-Abstecher auf höhere Gipfel schlugen sie sich schnell aus dem Kopf. Der direkte Weg war Herausforderung genug.

Auf Berghütten, in denen sie übernachteten oder zumindest aßen, und auch mitten am Berg trafen die zwei Langzeit-Wanderer immer wieder auf zumeist freundliche Menschen, die begeistert vom Plan der beiden waren und ihnen, wenn nötig, Hilfe oder Proviant anboten.

Unerwartet oft liefen ihnen auch Weidetiere sowie deren Schäfer und Hütehunde über den Weg, aber die ganz besonderen Begegnungen blieben die mit Wildtieren: Murmeltiere und Adler, Schlangen, Steinböcke und Gämsen, Eidechsen, Frösche und Libellen ließen sich immer wieder ungestört beobachten.

«Für mich waren ganz spezielle Momente aber oft auch einfach jene, in denen das Licht unerwartet besonders schön leuchtete», sagt Hans, der Fotograf. «Für diese Augenblicke macht man so eine Tour.»

Einer dieser Momente war die Ankunft bei Sonnenaufgang auf dem gut dreieinhalbtausend Meter hohen Rocciamelone im Piemont mit einem fantastischen Blick über weite Teile der französischen Alpen und den gesamten lombardisch-piemontesischen Alpenbogen. Anita, die vor allem auf dem letzten Teil der Reise mit der Hitze zu kämpfen hatte, fallen bei der Frage nach besonderen Erlebnissen sofort die Badegumpen ein, kleine Badestellen in den Bergbächen – und eine der seltenen Nächte im Zelt: «Es war mitten im Mercantour-Nationalpark, also bereits in unserm Zielland Frankreich, und über uns kreisten die Adler.»

Unbekannter Mercantour
Vom ihm bis dahin unbekannten Mercantour insgesamt war Hans ausgesprochen begeistert, von den weiten Tälern und weniger schroffen Bergen und der fast unberührten Natur. «Dort wandert es sich zudem sehr angenehm – man macht richtig Meter, nicht wie in Italien nur Höhenmeter.»

Sie hätte Bücher schreiben können unterwegs, sagt Anita, so viele Gedanken seien ihr in all den Stunden auf Wanderschaft durch den Sinn gegangen. Immer wieder auch Zweifel, ob sie durchhalten kann, und die Emotionen übermannten sie unterwegs nicht nur einmal. Ein letztes Mal dann, und diesmal gemeinsam mit Hans, bei der Ankunft am Strand von Nizza: «Mir kamen die Tränen», sagt sie, und Hans hat sich gefühlt «wie ein Kind, das zum ersten Mal das Meer sieht».

Fünf Monate haben ihre Wanderschuhe durchgehalten, aber hier und jetzt war es an der Zeit, sie zu verabschieden.

Share |

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Copyright Mediterraneum Editions sarl. Teilen Sie unsere Artikel gerne mit Freunden und Bekannten, aber bitte nutzen Sie dazu ausschließlich die oben stehenden "Share-Werkzeuge". Bitte schneiden Sie keine Artikel von rczeitung.com aus, um sie im Web oder in Blogs weiterzuverwerten.

Kommentare

Bitte loggen Sie sich ein um einen Kommentar zu diesem Artikel zu hinterlassen.