02.10.2011 0
Menschen: Pierre Gruneberg ist eine lebende Legende. Seit 60 Jahren gibt er Schwimmunterricht am Grand Hôtel du Cap Ferrat
Sonnyboy mit Traumjob
Dunkelbraun gebrannt ist Pierre Gruneberg, und sein Oberkörper hat noch immer die attraktive V-Form, die Sportler auszeichnet. An diesem Spätnachmittag allerdings, als er mir sein Leben erzählt, hat er die Badehose gegen Shorts und ein locker sitzendes T-Shirt getauscht; für heute ist er durch mit dem Schwimmunterricht.
Neben uns zieht ein einzelner Mann seine Bahnen im Pool, demselben, an dem Pierre Gruneberg vor 61 Jahren als Bademeister anheuerte. Damals gab es wenig Privatpools, auch hier auf Cap Ferrat, und dieses Becken im Club Dauphin des Grand Hôtels zog die Menschen der gesamten Umgebung an.
«Für mich ist dies der schönste Ort der Welt, immer noch», sagt der 80-Jährige, der viele Schwimmbäder der Erde gesehen hat. Weiter oben thront das weiße Hotel majestätisch auf dem erhobenen Südzipfel des Caps, nach unten fällt die Küste steil ab zum Meer. Ringsum spenden Pinien Schatten, und eine eigene Seilbahn mit kugelrunder, gläserner Kabine führt durch den mediterranen Park hoch zum Haupthaus.
Der Zufall hat den damals 18-Jährigen hierher gebracht. Per Anhalter war er im Sommer 1949 von Paris aus bis nach Marseille gelangt. Er wollte Schwimmkurse geben, und suchte von dort die gesamte Côte d’Azur ab nach einer Gelegenheit. «Aber die Strände gefielen mir alle nicht.» In Nizza empfahl man ihm den Pool des Grand Hôtels auf Cap Ferrat. Zu Fuß marschierte der junge Mann mit seinem Rucksack dorthin, in kurzer Hose und Karohemd. Als er das Schwimmbecken von einer Aussichtsplattform erblickte, war es Liebe auf den ersten Blick. Er lief zum Empfang, natürlich ohne einen Termin zu haben, und wollte den Hoteldirektor sprechen.
Monsieur Voyenne ließ ihn zunächst abblitzen, aber Gruneberg hatte Geduld. Nach zwei Stunden wurde er hineingebeten. Der Direktor zeigte ihm ein Foto mit vier Frauen im Badeanzug. «Was halten Sie davon?», fragte er den jungen Mann. Dem war klar, was sein Gegenüber hören wollte, also erwiderte er: «Ich möchte hier arbeiten, nicht hübschen Mädchen hinterherlaufen.» Ob er Erfahrung als Schwimmlehrer habe, fragte der Hotelier dann. Gruneberg verneinte. «Aber ich spreche mehrere Sprachen!»
Er erhielt einen Vertrag für den folgenden Sommer. Sieben Hotelbesitzer und etwa zehn Direktoren später hat er noch immer einen Vertrag für die Saison, wie in jedem der 61 Sommer seither.
«Ich habe immer versucht mich anzupassen», erklärt er, denn er wollte unbedingt an diesem Ort bleiben. Das mit den hübschen Mädchen allerdings hat er nicht hundertprozentig eingehalten: Seine 1991 verstorbene Frau Silvia Montfort, Schauspielerin aus Paris, mit der er die folgenden dreißig Jahre bis zu ihrem Tod verbringen würde, lernte er am Pool des Grand Hôtel kennen und lieben – als ihr Schwimmlehrer.
Ansonsten konnten all die Stars, denen er an der vielleicht exklusivsten Adresse der Côte d’Azur das Schwimmen oder besseres Schwimmen beigebracht hat – von den Kindern Charlie Chaplins, der Familie Jean-Paul Belmondos über Paul McCartney und Tochter bis hin zu Andrew Lloyd Webber – ihn rein mit ihrer Prominenz nicht weiter beeindrucken. «Was mich interessiert, ist ausschließlich ihre menschliche Seite», sagt er.
Wie selbstverständlich zieht der 80-Jährige sein iPad aus dem Rucksack, seinen Tablett-artigen Minicomputer, und zeigt Fotos, bunte und schwarzweiße, mit bekannten Gesichtern, am oder im Pool. Er selbst posiert auf einem der Bilder als Blondschopf in knapper Badehose, muskelbepackt. «Ich war mignon, niedlich, oder?» fragt er schmunzelnd.
Wie vielen Menschen er Schwimmunterricht gegeben hat, hat Pierre Gruneberg nie nachgerechnet. «Unzähligen», meint er nur, und wenn er dann seine Salatschüssel-Methode erklärt, die er selbst erfunden hat, um Menschen außerhalb des Pools richtiges Atmen beizubringen und so auch gleich die Angst vor dem Wasser zu nehmen, glaubt man ihm aufs Wort, dass er der geborene Pädagoge ist. «Die schweren Fälle», sagt Gruneberg, «waren mir immer die liebsten.» Er erinnert sich an einen 85-Jährigen, der nie richtig schwimmen gelernt hatte, oder an eine etwa 60-jährige Frau, die im Wasser panisch wurde. «Ich mag diese Herausforderungen», so der maître nageur, und selbstverständlich haben beide Schüler erstaunlich bald entspannte Züge im Becken zurückgelegt.
Auch als Skilehrer war der junge Pierre ein Pionier. Schon in den 1960er-Jahren führte er in Europa Kurzski ein, die er in den USA kennen gelernt hatte. Und auch auf dem Schnee übrigens, im Edel-Skiort Courchevel, dem er im Winter seit ebenso vielen Jahren treu ist wie Cap Ferrat im Sommer, sind ihm die Promis dieser Welt nur so zugelaufen.
«Das lag an meiner Sprachbegabung», erklärt Gruneberg. Anfang der 50er-Jahre waren sie in Courchevel vier Skilehrer (heute seien es 500) – «und ich war damals eben der einzige, der Englisch sprach, also kriegte ich die internationalen Stars als Schüler.»
Die Sprachbegabung kam nicht von ungefähr: Pierre ist ein Sohn deutscher Eltern, in Köln geborener Jude, der mit der Familie im Alter von drei Jahren auf der Flucht vor den Nazis 1934 nach Paris ging – und bis zum Ende der Schulzeit blieb. Neben Deutsch und Französisch lernte er fließend Englisch und sprach früh außerdem Italienisch und Spanisch.
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