14.11.2011 0
Menschen: Im Krieg schraubte Zwangsarbeiter Georges Brassens bei BMW deutsche Flugzeugmotoren zusammen
30. Todestag: Hyères-les-Palmiers ehrt berühmten Chansonnier
Im letzten Krieg – genauer: Anfang Februar 1944 – klopfte der Briefträger an die Tür des Hauses Nummer 54 an der Rue de l’Hospice im südfranzösischen Sète. Der öffnenden Hausfrau streckte er ein beigefarbenes Kuvert entgegen, auf dem unübersehbar eine knallblaue 25er-Briefmarke mit dem kompromittierenden Konterfei des „Führers“ prangte. Absender war der Sohn des Hauses – Georges Brassens (1921-1981), der in den 50er-Jahren zu einem der beliebtesten Chansonniers Frankreichs aufsteigen sollte.
Den Brief an seine Eltern, der zur Zeit in Hyères-les-Palmiers im Var ausgestellt ist, hatte der damals 22-jährige Künstler aus dem deutschen Arbeitslager Basdorf bei Berlin geschrieben, wohin er im Zuge der Kollaboration der Vichy-Regierung des Generals Philippe Pétain mit Nazi-Deutschland deportiert worden war. Tagsüber schuftete der junge Zwangsarbeiter aus dem Departement Hérault im benachbarten Zühlsdorf. Dort – im Strahltriebwerk der Bayerischen Motoren-Werke – musste er seit Anfang März 1943 Flugzeugmotoren vom Typ BMW 801 zusammenschrauben. Abends, zurück in seiner Baracke, schrieb er 30 seiner ersten Chansons, die seinen späteren Ruhm begründeten.
Menschen, die die städtische Médiathèque verlassen, haben jetzt regelmäßig ein Liedchen auf den Lippen, oder sie pfeifen zumindest „Une jolie fleur“ oder „La cane de Jeanne“ – Stücke, die auch in Deutschland sehr populär wurden. Kein Wunder: Denn das ganze Medienzentrum ist voll Musik, Brassens-Musik eben, und nicht nur das: Gezeigt werden bis zum 30.
November mehrere Ausstellungen unter einem Dach – eine historische unter dem erwähnten Motto stammt aus der Cité de la musique in Paris, eine andere zeigt Brassens "Künstlerische Anfänge im Spiegelbild von Pressefotos (1952-1958)“ aus der Sammlung von Claude Michel. Auf dem Programm stehen neben etlichen Konzerten und Filmvorführungen („Concert à Bobino“) mehrere Referate (wie „Brassens vu de Sète et non pas de Paris“) und „conférences“ (wie „Brassens, der Gottesleugner“). Am 26. November gibt es einen Vortragswettbewerb für Erwachsene („Le slam, Brassens“), der von Papa Suriano und seinen Musikern begleitet wird (Details unter www.hyeres.fr).
Brassens war Sohn eines kleinen Bauunternehmers aus Sète, seine Mutter eine sehr gläubige und musikliebende Neapolitanerin. Georges Brassens ging 1939 nach Paris. Dort arbeitete er kurze Zeit als Lehrling bei den Renault-Werken von Boulogne-Billancourt. Ganze Tage verbrachte der Frühaufsteher in der Bibliothek beim Studium der französischen Dichtkunst. In genauer Analyse der gewählten Sprachbilder, Themen und rhythmischen Kadenzen brachte er sich selbst die Grundbegriffe der Poesie bei. 1942 veröffentlichte er seine ersten 13 Gedichte.
Der erste Chanson, den er öffentlich vortrug, war „Le gorille“, oberflächlich ein frivoles Couplet über einen brünftigen Affen, gemeint aber als Plädoyer gegen die Todesstrafe. Der Song wurde später von Franz Josef Degenhardt in eine deutsche Fassung ("Vorsicht – Gorilla!") übertragen.
1952 feierte Brassens seine ersten Erfolge im Pariser Cabaret der Chanteuse Patachou. Während der 50er- und 60er-Jahre stieg er zu einem der bekanntesten Vertreter des künstlerischen französischen Chansons auf. Politisch stand er, wie sein Kollege Léo Ferré, den Anarchisten nahe. Seine estnische Lebensgefährtin Joha Heyman, die bis zu seinem Lebensende an seiner Seite blieb, nannte er liebevoll „Püppchen“.
Seit den 70er-Jahren litt Brassens an Nierenkrebs. 1980 wurde er operiert. 1981 starb er in der Nähe seiner Geburtsstadt Sète. Brassens gilt heute als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Chansonniers des 20. Jahrhunderts.
Den Reiz seiner Chansons macht eine einzigartige Mischung aus der Sprache der klassischen französischen Poesie und des Argot aus. Die Texte verweben einfühlsame mit sarkastischen Gedanken, ergänzt durch eine herbe, manchmal gewollt ans Obszöne grenzende Erotik. Aus der deutschen Liedermacherszene sind es insbesondere Wolf Biermann, Franz Josef Degenhardt und Dieter Süverkrüp, denen Brassens als Vorbild diente.
Im Lager Basdorf blieb Brassens übrigens fast genau ein Jahr. Am 7. März 1944 bekam er für zehn Tage Urlaub, kehrte aber nicht zurück, sondern hielt sich bis zur Befreiung im folgenden Spätsommer in Paris versteckt.
60 Jahre danach – am 7. März 2004 – wurde in Basdorf, heute Ortsteil der Gemeinde Wandlitz, der Verein „Brassens in Basdorf“ gegründet. Schon im September 2003 waren Kameraden des Künstlers aus den Tagen der Zwangsarbeit wie Pierre Onteniente und René Iskia sowie mehrere Freunde des Sängers in die brandenburgische Gemeinde gereist, um an historischer Stätte seine Lieder zu singen. So wurde das 5000-Seelen-Dorf im Landkreis Barnim zum Festivalort mit dem Schwerpunkt Brassens. Basdorf ist Deutschlands erste Gemeinde, die den Musiker offiziell ehrte.
Der Platz vor dem Bahnhof trägt seinen Namen.
Rolf Liffers
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