11.02.2012 0
Menschen: Saint-Exupéry-Großneffe sammelt Mariannen-Bildnisse aller Art
Den Kopf voller schöner Frauen
Er sammelt schöne Frau-en. Und nach eigenen Angaben hat er alle, die er je begehrte, gekriegt: Brigitte Bardot (BB), Mireille Mathieu, Cathérine Deneuve, Laetitia Casta, um nur einige zu nennen. Kein Wunder – denn der Liebhaber, von dem hier die Rede ist, trägt einen großen Namen: Tristan de Saint-Exupéry-Imbert. Der legendäre Autor des Kleinen Prinzen, Antoine, der als Kind oft seine Ferien in La Môle bei Cogolin verbrachte, war sein Großonkel.
Der 60-jährige Imbert hat Berge von Material zusammengetragen: Was die Büsten der Damen seines Herzen angeht, ist er komplett. Seine älteste stammt von 1870. Seit der Französischen Revolution (1789-1799) hatte es die Kunstfigur schon gegeben. Doch nach ihrer Erfindung 1792 war das Freiheitssymbol mit dem damals sehr verbreiteten Vornamen zunächst nur eine anonyme Frauengestalt. Inzwischen ist die Marianne weltberühmt. Unübersehbar überblickt ihre Statue viele öffentliche Plätze. Meist wird ihr Kopf von einer phrygischen Mütze geziert. Zweites unverwechselbares Kennzeichen: Mindestens eine Brust ist unbedeckt.
Als erster richtig ausgemalt hat sich die Stilfigur im Grunde Eugène Delacroix mit seinem heroischen Bild «Die Freiheit führt das Volk», das in der Julirevolution 1830 entstand und die Marianne in klassischer Pose als voranstürmende Heerführerin mit wallender Trikolore auf dem Felde der Ehre zeigt.
Natürlich hat auch Imbert dieses Gemälde, wenn auch nicht das Original. Im Übrigen zeigt seine Sammlung die Marianne in all ihren Zuständen und Situationen – im Spiegelbild der Presse, der Karikatur, der Werbung, von Aufrufen und Siegeln (seit 1792), Briefmarken (seit 1849), Plakaten und Münzen, Tabakdosen und Krawattennadeln. Auch auf Scherzartikeln und Kitschobjekten wurde ihr Konterfei verewigt.
1969 gab Aslan der Marianne erstmals ein konkretes aktuelles Gesicht, das von BB (inklusive Busen). Eigentlich hatte sich der Künstler mit der Büste nur einen Spaß leisten wollen. Als die Dame dann auch von Picasso, Dalí und Bernard Buffet gemalt wurde, war die Tradition der modernen Mariannenverehrung begründet.
Heutzutage schmückt die je-weils «herrschende» Marianne praktisch alle französischen Rathäuser. Angefangen hatte damit Paris. Die dortige Mairie stellte 1880 als erste Gemeinde eine frei erfundene Marianne auf. Seit 40 Jahren sitzt nun in unregelmäßigen Abständen eine jeweils hochpopuläre Schönheit Modell für die neue Marianne, meist eine Schauspielerin. Ab 1970 war es BB. Ihr folgten Mireille Mathieu (1978), Cathérine Deneuve (1985), die Supermodels Inès de la Fressange (1989) und Laetitia Casta (2000), die Fernsehmoderatorin Évelyne Thomas (2004) und die Mimin Florence Foresti (2009).
Erstmals schriftlich erwähnt wird die Marianne als «Natio-nalheiligtum» im Oktober 1792 in Puylaurens im Departement Tarn.
Heute sei die Marianne eine Art «Miss Bürgermeister», vergleicht Imbert, der bereits die Historie seiner Heimatgemeinde La Londe zu Papier gebracht hat und jetzt an einem Buch über die Kulturgeschichte der Marianne arbeitet.
Das jeweilige moderne Alter Ego der Marianne wird stets von den 36 000 Bürgermeistern Frankreichs gewählt. Das sind meist Männer, und oft gab es Irritationen über die Frage, von welchen Kriterien sich die Herren bei ihrer Entscheidung wohl leiten ließen. Vielleicht bedarf es keiner Erklärungen, wenn man sich BB als Marianne auf dem Männermagazin «lui» anschaut oder die Korsin Laetitia Casta, die sich auf ihrer Homepage als das Sexsymbol schlechthin einschätzt.
Wie auch immer: Seit 1999, der Ära des sozialistischen Premierministers Lionel Jospin, erscheint die Marianne auf allen offiziellen Dokumenten der französischen Verwaltung. Das mag Fremden sonderbar erscheinen, ist gewiss aber hübscher anzuschauen als der martialische deutsche Adler.
Rolf Liffers
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