11.02.2012 0

Menschen: Ehrenpreis für UN-Sonderbotschafterin

Angelina Jolie zum Tee bei Westerwelle

Der aktuelle Besuch aus dem südfranzösischen Le Val im Var sorgt in Berlin für hohe Aufmerksamkeit: Im Blitzgewitter der Fotografen wurde UN-Botschafterin Angelina Jolie am Freitag zum Tee bei Außenminister Guido Westerwelle erwartet. Am Montag wird die Friedensaktivistin, die in der Hauptstadt gleich mehrere Geldquellen zum Sprudeln brachte, auch offiziell geehrt. Derweil ist um ihren Berlinale-Beitrag ein heftiger Streit entbrannt.

Angelina Jolie
UNHCR Botschafterin Angelina Jolie. Foto: SEM-ART Gallery

Ihr Lebensgefährte Brad Pitt genießt zeitgleich das Wiedersehen mit deutschen Freunden. Bei ihrem Rendez-vous im Außenamt, wo Angelina Jolie ganz in Weiß erschien, ging es insbesondere um das Engagement des 36-jährigen Hollywood-Stars als Sonderbotschafterin des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR). Bei dieser Gelegenheit wurde auch mitgeteilt, dass die Amerikanerin am 13. Februar bei der Gala der "Cinema for Peace"-Stiftung mit einem Ehrenpreis für ihren Einsatz gegen Krieg und Völkermord sowie ihr Regie-Debüt "In the Land of Blood and Honey" ausgezeichnet wird. Der in Sarajewo spielende Film, der heute bei der augenblicklichen 62. Berlinale vorgestellt wird, erzählt die Liebesgeschichte eines bosnisch-serbischen Soldaten und einer muslimischen Künstlerin im Bosnien-Krieg Mitte der neunziger Jahre.

Entwicklungsminister Niebel würdigte das Handeln der Schauspielerin als „höchst anerkennenswert“. Wörtlich: „Durch ihren Einsatz bringt sie das Schicksal von Flüchtlingen einer großen Öffentlichkeit nahe.“ Auch ihm selbst sei die Arbeit von UNHCR ein großes Anliegen. Daher werde er „zusätzliche Mittel in Höhe von über zwei Millionen US-Dollar für das Wirken von UNHCR in Bosnien-Herzegowina und in Kenia“ locker machen. Dieses Geld soll dazu beitragen, in Kenia insgesamt 50.000 Kindern in den Flüchtlingslagern Dadaab und Kakuma – zumeist aus Somalia und dem Sudan – eine schulische Ausbildung zu ermöglichen.

In Bosnien-Herzegowina unterstützt das Ministerium gemeinsam mit UNHCR den Aufbau von dauerhaften Unterkünften für besonders bedürftige Bewohner des Flüchtlingslagers Splaviste in der bosnischen Gemeinde Gorazde.“. Angelina Jolie hat sich zur Aufgabe gemacht, den im bosnischen Splaviste noch verbliebenen 8.600 Flüchtlingen ein Zuhause zu schaffen.

Westerwelle erklärte dem prominenten Gast, „wir Deutschen wissen aus unserer eigenen Geschichte, wie schmerzhaft, aber auch wie notwendig die kritische Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit ist, wenn eine friedliche, gemeinsame Zukunft gelingen soll“. Deshalb werde die Bundesregierung helfen, die Erinnerung an die Opfer und Überlebenden des Völkermords von Srebrenica am Leben zu erhalten und damit einen Beitrag zur Versöhnung zu leisten.“ Die "Genocide Film Library Bosnia and Herzegovina", die ebenfalls von Angelina Jolie unterstützt wird, werde vom Auswärtigen Amt Zuschüsse erhalten, um dieses Projekt zu verwirklichen, versprach der FDP-Politiker.

Wie Westerwelle weiter sagte, unterstützt das Auswärtige Amt bereits „seit Jahren Projekte zur Aufarbeitung der Kriegsfolgen in Bosnien“ mit rund 3,5 Millionen Euro jährlich. Diese Mittel würden beispielsweise für die Minenräumung, die Identifizierung von Kriegsopfern durch die "International Commission on Missing Persons", die Flüchtlingsrückkehr und Winterhilfe für Flüchtlinge eingesetzt.

Zur Erinnerung: Im Juli 2005 ermordeten bosnisch-serbische Truppen unter der Führung von Ratko Mladić in der bosnischen Kleinstadt Srebrenica mehr als 7.000 muslimische Kriegsgefangene und Zivilisten. Dieses größte Massaker in Europa seit dem Ende des 2. Weltkriegs wurde vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien später als Völkermord bewertet.

Nach dem Vorbild von Steven Spielbergs Shoa-Stifung will die "Cinema for Peace"-Stiftung Film-Interviews mit 10.000 Überlebenden des Genozids von Srebrenica führen, aufzeichnen und archivieren. Die so über einen Zeitraum von fünf Jahren entstehende "Genocide Film Library Bosnia and Herzogovina" soll Bildungseinrichtungen, Museen, Nichtregierungsorganisationen und Forschungsinstitutionen zugänglich gemacht werden.

Nach verschiedenen Agenturberichten werfen einige serbische Abgeordnete Angelina Joilie jetzt vor, sie wolle Serben anschwärzen - und setzen sich mit massiven Vorwürfen für ein Verbot des Films ein. Der Film läuft seit Dezember in den USA. Am Ende des Monats ist der Kinostart in Deutschland vorgesehen. Auf dem Balkan hat den Film fast niemand gesehen, schon gar nicht die Politiker. Aber das hindert sie nicht daran, ihn in Bausch und Bogen zu verdammen.

Als kürzlich im serbischen Parlament das neue Filmgesetz behandelt wurde, ergriff ein nationalistischer Abgeordneter das Wort. "In the Land of Blood and Honey" sei ein schlechter Film, denn darin würden die Serben als Bösewichte gezeigt, sagte ein Hinterbänkler.

Aus der Republika Srpska, der von Serben kontrollierten Landeshälfte Bosniens, hieß es, Jolie wolle bald eine Pressekonferenz organisieren und die internationale Gemeinschaft auffordern, die bosnisch-serbische Republik aufzulösen, weil diese nach Massakern an Muslime entstanden sei. Jolie dementierte, bezeichnete die Medienberichte als Lügen und wunderte sich, wie eine ganze Nation daran glauben könne.

Die Kampagne gegen den Film wird auch vom Präsidenten der Republika Srpska, Milorad Dodik. Jolie sei uninformiert, kritisierte er. Sie werde instrumentalisiert, aber es werde ihr nicht gelingen, die Serben anzuschwärzen: "Die kann noch so bekannt sein in der Welt, uns interessiert das nicht! Wir sind schon mit Mächtigeren fertig geworden!"

Die Stimmung wird mit wildesten Verschwörungstheorien zusätzlich angeheizt. Nicht nur Krawallblätter behaupten, der Film sei von Saudi-Arabien finanziert worden. Ein bisher unbekannter US-Journalist serbischer Abstammung meinte, die antiserbische Haltung sei Jolie sozusagen in die Wiege gelegt worden, weil ihr Vater die Stepinac High School in New York besucht habe.

Der kroatische Kardinal Alojzije Stepinac hatte im Zweiten Weltkrieg zunächst die faschistische Bewegung der Ustascha unterstützt, später aber ihre Grausamkeiten an Juden, Serben und Roma kritisiert. Die absurdeste Verschwörungstheorie aber besagt, dass Jolie in ihrer Jugend eine Liebesaffäre mit einem Typen aus Belgrad gehabt habe. Dieser habe nach kurzer Zeit Jolie verlassen, und seither hasse sie die Serben.

Die mediale Operation gegen die US-Schauspielerin sei erfolgreich, weil dabei der gesunde Menschenverstand, die Logik und die minimale journalistische Unabhängigkeit auf der Strecke geblieben seien, kommentierte die Belgrader Zeitschrift "Vreme" das Trauerspiel. Die Chancen, dass "In the Land of Blood and Honey" in der bosnisch-serbischen Teilrepublik gezeigt wird, sind gering. Der Filmvertreiber Vladimir Ljevar sagte gegenüber der Zeitung Blic, das Publikum wolle solchen "Müll" nicht sehen.

Ljevar hatte sich 2006 geweigert, den Berlinale-Sieger-Film "Esmas Geheimnis - Grbavica" ins Programm zu nehmen, der die Vergewaltigung von Frauen im Bosnien-Krieg thematisiert, und die Kinder, die so gezeugt wurden. Nach UNO-Angaben sollen während des Konflikts etwa 20 000 Frauen in Bosnien sexuell missbraucht worden sein.

Inzwischen steht auch noch ein Plagiatsvorwurf im Raum. Ein bosnischer Autor hat Jolie verklagt. Vor allem aber wurde sie auch von bosnischen Opferverbänden angegriffen, weil das Gerücht kursierte, es entwickle sich im Film eine Liebesgeschichte zwischen einer Muslimin und ihrem serbischen Vergewaltiger.

Das Kulturministerium in Sarajevo entzog der Oscar-Preisträgerin kurzzeitig sogar die Drehgenehmigung, daraufhin drehte Jolie weniger Szenen als vorgesehen in Sarajewo. Mittlerweile hat sie den Film ihren damaligen Kritikerinnen aus den Opferverbänden gezeigt und berichtet von sehr emotionalen, aber nicht feindseligen Reaktionen. Nach der Berlinale kommt sie zur Premiere ihres Films erneut nach Sarajewo und danach (im Mai) wahrscheinlich wieder nach Cannes, wo sie Brad Pitts im vorigen Jahr bei dessen neuem Film „Tree of Life“ beigestanden hatte.

Brad Pitt, der seine Lebensgefährtin auf über 40 Reisen in Krisengebiet und Flüchtlingscamps begleitete, hat spätestens seit „Inglourious Basterds" (Regie: Quentin Tarantino, 2009) sein Herz in und an Berlin verloren. „Mit gefällt es hier“, hatte er nach der Premiere gesagt. „In Berlin habe ich viele Freunde - eine schöne Stadt, gutes Essen.“ Die Berlinale scheint für ihn erneut „eine gute Ausrede zu sein, wieder herzukommen“. Auch Angelina ist reinst vernarrt in die ehemals geteilte Stadt. Das Paar will daher trotz klirrender Kälte mindestens eine Woche in Deutschland bleiben.

Rolf Liffers

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