16.10.2011 1
Kunst & Kultur: Der scharfzüngige Journalist ("Soldaten sind Mörder") setzt sich an die Côte d´Azur ab und lässt Ossietzky im Stich
Tucholsky in Le Lavandou: Schwere Selbstzweifel trüben Sinnenglück und Seelenfrieden
"Soldaten sind Mörder!" - kaum ein anderer Satz hat die deutsche Rechtsgeschichte länger beschäftigt, nämlich praktisch bis heute. Schon seit 1912 hatte Tucholsky immer wieder geschrieben, Krieg sei Mord und Soldaten seien folglich professionelle Mörder. Doch erst 1931 kam es zur Anklage - aber nicht gegen den Verfasser des Textes, der sich hinter seinem Pseudonym Ignaz Wrobel verschanzt hatte, sondern gegen seinen presserechtlich verantwortlichen Chef, der zu diesem Zeitpunkt bereits wegen eines anderen "landesverräterischen" Artikels in der "Weltbühne" hinter Gittern saß.
Ossietzky gehörte zu den wichtigsten Publizisten der Weimarer Repubkik. Schon früh hatte er vor den Folgen des erstarkenden Nationalsozialismus, der heimlichen Aufrüstung und einer verfehlten Europapolitik gewarnt. Da erschien im August 1931 in einer "Friedensnummer" seiner Wochenzeitung der Tucholsky-Beitrag, der wie eine Bombe einschlug: Unter der Überschrift "Der bewachte Kriegsschauplatz" beschrieb der Pazifist, wie im Ersten Weltkrieg Feldgendarmen das Kampfgebiet absperrten und Deserteure niederschossen: "So kämpften sie. Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder."
Im Spannungsfeld zwischen Meinungsfreiheit und Ehrverletzung sorgt das Zitat in Deutschland seither für Streit. In dem ersten Prozess, der 1932 in Berlin begann, sah die Staatsanwaltschaft die Reichswehr beleidigt und beantragte sechs Monate Gefängnis. Ossietzky kam mit einem blauen Auge davon. Er wurde freigesprochen, nachdem seine Verteidiger Laotse, Voltaire, Kant, Goethe, Klopstock und Herder zitiert hatten, die ihrerseits Soldaten als Mörder, Henker und Schlächter bezeichnet hatten.
Auch in der Bundesrepublik beschäftigt das Wort immer wieder die Justiz - mit unterschiedlichen Ergebnissen. Amtsgerichte verhängen hierfür mehrfach Geldstrafen wegen Beleidigung. In einigen Fällen - wie 1987 in Frankfurt am Main - hebt ein Landgericht als höhere Instanz den Richterspruch wieder auf. Die Frankfurter Strafkammer begründet ihre Entscheidung unter anderem damit, dass schon Ossietzky 1932 freigesprochen worden sei.
In den 90-er Jahren landet die umstrittene Äußerung vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Nach der Rechtsprechung des höchsten deutschen Gerichts ist das Zitat nur unter engen Voraussetzungen als Beleidigung strafbar. In der letzten, am 7. November 1995 veröffentlichten Entscheidung dazu heißt es: "Eine Verurteilung ist ausgeschlossen, wenn die Äußerung nicht auf die Herabsetzung einzelner Soldaten oder speziell der Bundeswehrangehörigen zielt." Ansonsten handele es sich nur um eine Kritik an "Soldatentum" und "Kriegshandwerk".
Wie bekannt das Zitat "Soldaten sind Mörder" bis heute ist, belegen auch Proteste gegen öffentliche Rekruten-Gelöbnisse, bei denen schon ein indirekter Hinweis darauf genügte. Bei der Zeremonie vor dem Bendler-Block in Berlin 1999 war es auf dem Regenschirm eines Zuschauers zu lesen, 2003 hoch über dem Hamburger Rathausmarkt auf einem Transparent: "Tucholsky hat recht!", stand da nur - und alle wussten Bescheid.
Zurück nach Le Lavandou: Dort schlüpft der Schriftsteller
("Rheinsberg"/"Schloß Gripsholm") nicht zum ersten Mal bei seinem Freund, unter
dem jüdischen Schriftsteller Walter Hasenclever, unter, damals einer der
erfolgreichsten deutschen Bühnenautoren, der gerade an dem neuen Stück
"Sinnenglück und Seelenfrieden" arbeitet. Neben Hasenclevers Reihenhaus "Le
Corail" mietet sich Tucholsky am 6. März 1932 die baugleiche kleine "Villa Emeraude"
an der Rue des Pierres Precieuses, wo er (wahrscheinlich) bis zum 15. Juni
bleibt. Die beiden Erotomanen, die ständig die Partnerinnen gewechselt haben
sollen, waren trotz der schwierigen Zeiten oft zu Scherzen aufgelegt. Sie hatten
viel Besuch, zum Beispiel von Verleger Kurt Wolff und seiner Frau Helene, von
Mendelssohn-Witwe Gerda Schairer und ihrem zweiten Mann, dem Bildungsexperten
Reinhold Schairer sowie dem letzten Chefredakteur des Simplizissimus, Franz
Schoenberner. Sie aßen und tranken gut. "Tucho" verfaßte sogar
Nonsense-Gedichte, wie man heute sagen würde – zum Beispiel über den dicken
Bauch des Lyrikers Rudolf Leonhard, der oft vorbeikam und ebenfalls kein
Kostverächter war.
In stillen Stunden aber schreibt Tucholsky an Mary:
Zum Beispiel am 29. März 1932, "...ich will wissen: Wird mir das als böse
Fahnenflucht ausgelegt?...". Und er hadert: "Nach außen bleibt ein Erdenrest zu
tragen, peinlich. Es hat so etwas von Desertion, Ausland, im Stich lassen, der
Kamerad Oss im Gefängnis...Frage: schadet es mir mehr, wenn ich komme und
moralisch den großen Mann mache, oder schadet es mir mehr, wenn ich nicht komme,
dafür aber meine Knochen gesund aus der Affäre ziehe?" Am 10. April entscheidet
er schließlich: "Ich werde also nicht kommen. Ich bin fest davon überzeugt, dass
beides, ein Opfer oder eine Desertion, in 14 Tagen vergessen ist. Dann will ich
lieber den bequemeren Weg wählen." Am 13. Mai berichtet er: "Es tröpfeln Briefe
– ich müsste doch und so. Oss ist im Gefängnis; die gefühlsmäßige Stimmung
scheint so zu sein, dass die Leute denken, er müsste nun auch noch für mich
sitzen..." Am 20. Mai schickt er aus Le Lavandou das Zugeständnis, "was mich
bedrückt, ist eben die Sache mit Oss. Das ist bitter." Aber: "Logisch ist das
dummes Zeug...".
Zwischen ihm und "Oss" sei alles in Ordnung, behauptet er. Tatsache indessen ist, dass sich Tucholsky nach dem Strafverfahren im Büro der "Weltbühne" erkundigt, ob er von Frankreich aus darüber schreiben solle. Aber Ossietzky läßt ihm ausrichten: "Der Bericht wird in Berlin geschrieben".
Nach seiner Abreise aus Le Lavandou wendet sich "der aufgehörte Dichter" mit keiner Zeile mehr an die Öffentlichkeit. Nur Hasenclever, dessen Bücher einen Monat später in Berlin verbrannt werden, erklärt er am 11. April 1933 noch: "Werde ich erst amal das Maul halten. Gegen einen Ozean pfeift man nicht an." Ossietzky, vielleicht der wichtigste Publizist der Weimarer Republik, den die NS-Schergen nie wieder aus den Augen lassen, stirbt im Mai 1938 an den Folgen schwerer Mißhandlungen im Konzentrationslager Esterwegen im Emsland, eine halbe Stunde von Oldenburg. Hasenclever bringt sich 1940 im Internierungslager von Les Milles bei Aix-en-Provence um.
Rudolf Leonhard, der in Frankreich Hilfsorganisationen für deutsche Emigranten aufbaut (darunter den Schutzverband Deutscher Schriftsteller), sieht sich isoliert und entkommt in Hyères-les-Palmiers nur knapp dem Hungertod. Der Vater von Wolfgang Leonhard ("Die Revolution entlässt ihre Kinder") stirbt 1953 in Ostberlin. An die genannten Exil-Autoren erinnert eine Gedenktafel in Sanary-sur-Mer (Var). Le Lavandou schläft diesbezüglich. Leider.
Rolf Liffers
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Kommentare
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Kommentare
Kommentar von ola | 16.10.2011
Ein Lesegenuss! Aber wieso schläft Le Lavandou?
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