03.02.2012 0

Musik&Kultur: Künstlerin plagte jahrzehntelang eine panische Angst vor den Deutschen

Juliette Gréco - Die schwarze Muse der Existenzialisten wird 85

1943 wird eine Résistance-Kämpferin aus dem südfranzösischen Montpellier von der Gestapo verhaftet – und mit ihr ihre beiden Töchter Charlotte und Juliette. Mutter und Charlotte werden ins KZ Ravensbrück deportiert. Die 16-jährige Juliette darf zwar in der Heimat bleiben, wird aber in ein Internierungslager verbracht und anschließend in das berüchtigte Gefängnis von Frèsnes gesperrt, wo sich im selben Jahr Berty Albrecht aus Marseille das Leben nimmt, die ebenfalls zum Widerstand gehört. Nach dem Krieg macht Juliette als Künstlerin Weltkarriere.

Juliette Greco
Juliette Greco 2006. Foto: victor diaz lamich

Erst 1959 wagt sie sich erstmals für ein Gastspiel über die Grenze zum ehemaligen Feindesland. Am 7. Februar nun wird die große alte Dame des französischen Chansons – "Die Gréco" – 85 Jahre alt. Der deutsch-französische Fernsehsender ARTE widmet dem Star bereits zwei Tage zuvor einen Themenabend.

Juliettes Mutter und Schwester haben den Krieg ebenfalls überlebt. Nach der Befreiung kehren sie endlich aus dem größten Frauen-KZ des Deutschen Reiches in die Heimat zurück. "Die Hölle", wie das brandenburgische Lager Ravensbrück von Mitinsassen beschrieben wird, werden sie nie vergessen. Dort, wo insgesamt 132 000 Frauen und Kinder aus 40 Nationen und Volksgruppen gequält worden sind, hatte Reichsführer-SS Heinrich Himmler schon 1940 die Prügelstrafe für weibliche Häftlinge eingeführt. Und Reichsarzt-SS Grawitz hatte an Gefangenen grauenvolle Versuche mit Gasbrand-Erregern gemacht. Die Zahl der Ermordeten geht in die Zehntausende.

Die Mahn- und Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers, zeigt noch bis zum 15. April im Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum in Osnabrück eine Ausstellung über "die lange Zeit vergessenen KZ-Bordelle". Wie der Leiter des Universitätsinstituts, Thomas Schneider, der RCZ sagte, waren in zehn Lagern seit 1942 auf Weisung des Reichsführers-SS, Heinrich Himmler, derlei Einrichtungen geschaffen worden. Die "Sonderbauten", wie die SS diese Lagerbordelle nannte, seien seit 1943 "fester Teil eines Prämiensystems gewesen, das für alle Lager galt". Auf diese Weise sollten männliche Häftlinge zu mehr Fleiß bei der Zwangsarbeit motiviert werden, erläuterte Schneider. "Mehr als 200 weibliche Häftlinge wurden in diesen Lagerbordellen ausgebeutet - die meisten kamen aus Ravensbrück, dem größten Frauen-KZ des Deutschen Reiches."

Nach eigenem Bekunden war schon Juliettes Kindheit alles andere als glücklich. Ihr Vater, ein aus Korsika stammender Polizeikommissar, hatte die Familie schon früh sitzenlassen. Auch zwischen Mutter und Tochter bestand kein inniges Verhältnis. Geliebt fühlte sich Juliette jedenfalls nicht, wie sie in ihrer 1983 erschienenen Autobiografie "Jujube" ("Ich bin wie ich bin") beschrieb. Auf der Rückseite der LP "Juliette Gréco in Deutschland" berichtet die Künstlerin weiter: "Meine Mutter war niemals wie eine richtige Mutter zu mir. Sie war ihr ganzes Leben lang Soldat. An ihrer Brust hingen unzählige Auszeichnungen und Medaillen der französischen Widerstandskämpfer. Sie war eine Frau, die man achten musste, aber nicht lieben konnte. Eine richtige Familie habe ich niemals gehabt."

Als sich die Mutter dem Widerstand anschloss, kamen die Geschwister zu ihren Großeltern mütterlicherseits nach Bordeaux. Dort besuchten sie eine strenge Klosterschule. Ende 1933 zogen die Mädchen mit ihrer Mutter nach Paris. Dort veränderte sich das Leben der scheuen Juliette grundlegend. Nach den stillen Jahren im Konvent wurde sie nun mit dem prallen Leben der glitzerenden Weltstadt konfrontiert. Bald besuchte sie, die schon als Zehnjährige an einem Talentwettbewerb ihrer Schule teilgenommen hatte, eine Ballettschule und nahm zudem Gesangs- und Schauspielunterricht.

Nach Kriegsende entdeckte Juliette das Bohème-Leben im Quartier Latin sowie die aufregende Welt des Theaters. Sie begann sich für Politik zu interessieren,traf sich mit meist linksorientierten Schriftstellern, Malern und Musikern. 1947 eröffnete sie mit einer Freundin die Kellerdiskothek "Le Tabou", wo ihre intellektuellen Freunde fortan verkehrten. Boris Vian, Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Marlene Dietrich, Orson Welles, Jean Cocteau und der legendäre Jazz-Trompeter Miles Davis, mit dem sie – wie mit vielen anderen – eine Affäre gehabt haben soll, gingen bei ihr ein und aus. Sie sang Chansons, wurde sehr schnell bekannt und avancierte zur Muse der Existenzialisten und von St.-Germain-de-Prés. Jacques Prévert, Sartre, Camus, Francois Mauriac und Francoise Sagan schrieben ihr kluge Texte. Von Prévert erhielt sie zum Beispiel "Les feuilles mortes", ein Titel, der weltbekannt wurde. Ende der vierziger Jahre landete sie die Hits "Si tu t´imagines" und "L´eternel feminin". 1951 nahm sie die erste Single ("Je suis comme je suis") auf. Der Text war wieder von Prévert und wurde von Joseph Kosma vertont. Das Lied wurde bald zum Klassiker. 1966 und 1968 stand die Gréco mit George Brassens auf der Bühne. Außerdem ging sie weltweit auf Tournee.

Markenzeichen der Ikone des schwermütigen Liedes sind schwarze, hochgeschlossene Etuikleider, enge schwarze Hosen und schwarze Jacketts, das Gesicht weiß, die Augen schwarz geschminkt, was ihr den Beinamen "Schwarze Rose von St. Germain" einbrachte. 1954 lernt sie bei den Dreharbeiten zu dem Melville-Film "Quand tu liras cette lettre" den Schauspieler Philippe Lemaire kennen. Die beiden heirateten. Doch die Ehe scheitert schon zwei Jahre später, kurz nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Laurence-Marie. In den fünziger Jahren wirkt die Chansonsängerin unter Regisseuren wie John Huston und Orson Welles in internationalen Filmproduktionen mit und entwickelt sich zu einer ausdrucksstarken Schauspielerin. Auch in Otto Premingers Sagan-Adaption "Bonjour Tristesse" steht sie vor der Kamera. Einer breiteren deutschen Öffentlichkeit wird sie insbesondere als Hauptdarstellerin in der Vorabendserie "Belphégor – das Phantom der Oper" zum Begriff.

Zwischen 1959 und 1969 entdeckt und fördert "Jujube" – wie sie wegen ihrer dunklen Mandelaugen genannt wird - junge Talente wie Serge Gainsbourg und Leo Ferré. Trotz großer beruflichen Erfolgs durchlebt sie eine schwere depressive Phase. Danach ehelicht sie 1966 Michel Piccoli, mit dem sie bis 1977 zusammenbleibt. 1967 singt sie in Berlin vor 60 000 begeisterten Zuhörern. Nach mehrjähriger Bühnenabstinenz feiert sie 1991 in Paris ein großes Comeback. Ihre geradezu triumphale Rückkehr verdankt sie vor allem dem Pianisten Gérard Jouannest, ihrem langjährigen musikalischen Begleiter, mit dem sie 1988 vor den Traualter tritt.

In Deutschland geht die Sängerin und Schauspielerin aus dem Languedoc-Roussillon zuletzt 1999 auf Tournee. Seit einem leichten Herzanfall bei einem Auftritt in ihrer Heimatstadt Montpellier im Mai 2001 tritt sie etwas kürzer. Heute lebt sie mit Jouannest auf einem Bauernhof in der Nähe von Paris. Gelegentlich gibt sie im In- und Ausland noch Konzerte. Zwischen 2005 und 2010 gibt Juliette Gréco in Berlin, München und Pirmasens einzelne Konzerte. Ihr Album "Le Temps d’une Chanson" erscheint Ende 2006.

Niemals allerdings erreichte die Sängerin mit dem unverwechselbaren samtenen und tiefen Timbre ihrer Stimme eine Popularität wie beispielsweise Édith Piaf. Dafür waren ihre Lieder zu politisch und kopflastig. Folglich verlief auch ihre Karriere in einem ständigen Auf und Ab. Ihre Zukunft sieht sie heute so: "Ich werde so lange singen, wie mich das Publikum hören will und ich selbst noch Spaß daran habe."

Auch privat verlief das Leben der Gréco nicht immer in ruhigen Bahnen. Nicht nur wegen ihrer vielen Liebesbeziehungen zu Männern. Gegenüber der Wochenzeitung "Die Zeit" bekannte sie 2007, dass sie durchaus auch sexuelle Kontakte zu Frauen hatte. "Ich wollte schließlich nicht als Idiotin sterben", kommentierte sie. "Warum sollte man nicht die gleiche sinnliche und intellektuelle Liebe für eine Frau empfinden können wie für einen Mann? Seit der Antike, seit dem Bestehen der Welt, lieben Frauen Frauen. Also - wo ist das Problem?"

Rolf Liffers

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