31.01.2012 0

Kunst & Kultur: Moretti Jury-Vorsitzender/Glowna und Angelopoulos gestorben/Schleinzers "Michael" ausgezeichnet

Filmfestspiele von Cannes beherrschen schon jetzt die Schlagzeilen

Das 65. internationale Filmfestival von Cannes (16. bis 27. Mai 2012) hat in dieser Woche mit einem Strauß von aktuellen Nachrichten auf sich aufmerksam gemacht. Danach wird Regisseur Nanni Moretti ("Habemus Papam") den Vorsitz der Jury übernehmen. Unmittelbar nacheinander starben am selben Tag im Januar völlig überraschend der griechische Filmregisseur Theodoros (Theo) Angelopoulos und der deutsche Schauspieler und Regisseur Vadim Glowna, die in Cannes beide Gold gewonnen hatten. Und Markus Schleinzer - Schüler von Michael Haneke, der 2009 für "Das weiße Band" mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden war – wurde soeben für seinen 2011 in Cannes uraufgeführten Film "Michael" mit dem Max-Ophüls-Preis 2012 bedacht.

Nanni Moretti
Nanni Moretti bei den Filmfestspielen in Cannes 2011. Foto: Georges Biard

Mit dem Italiener Moretti, der sich sechsmal an dem Wettbewerb beteiligt hatte und 2001 für "Das Zimmer meines Sohnes" mit der Goldenen Palme geehrt worden war, bekommt das Festival nach dem amerikanischen Schauspieler Robert de Niro (2011) wieder einen europäischen Präsidenten. Der künstlerische Leiter des Festivals, Thierry Frémaux, erläuterte, Morettis Filme seien modern, intelligent und der Inbegriff all dessen, was im Kino in den letzten 30 Jahren gut gewesen sei. Gilles Jacob, Präsident und Elder Statesmen des Filmfestivals ergänzte, er habe bereits 1978, als Moretti mit "Die Nichtstuer" erstmals am Wettbewerb teilnahm, eine Ahnung gehabt, dass aus dem Regisseur einmal "eine wichtige Kino-Größe" werde würde.

Bei "Michael", handelt es sich um Markus Schleinzers Filmdebut, für das er auch das Drehbuch schrieb. Das Filmprojekt stand von Anfang an in der Gunst von Michael Haneke. Darin wagt sich der Wiener an das heikle Thema Pädopilie heran. Er eröffnet er dem Zuschauer die Täterperspektive eines unheimlichen Verbrechens. Nach dem Urteil der Ophüls-Jury riskiert Schleinzer "eine vorsichtige Annäherung an die Abscheulichkeit, die man nicht mehr vergessen wird": Erzählt wird die Geschichte eines unauffälligen Mannes (gespielt von Michael Fuith), der im Keller seines Hauses einen kleinen Jungen gefangenhält und missbraucht.

Theo Angelopoulos ist am 24. Januar bei einem tragischen Verkehrsunfall im Alter von 76 Jahren ums Leben gekommen. Während Dreharbeiten zu seinem Film "Das andere Meer" in Piräus war er beim Überqueren der Straße von einem Motorrad erfasst worden und in einen vier Meter tiefen Schacht gefallen. Für viele Griechen galt Angelopoulos als der "Blick Griechenlands". Er konnte in seinen Filmen die jüngste Geschichte seines Landes mit einer eigenartigen Atmosphäre und von seinem unverkennbaren Blickwinkel aus wiedergeben. "Theo", wie viele seiner Freunde ihn nannten, bezeichnete seine Filme als eine Art Dichtung: "Ich erwarte nicht von Dir, dass Du das verstehst, was ich mit meinen Filmen meine. Ich erwarte von Dir, dass Du das verstehst, was Deine Seele aus diesen Filmen versteht. Es ist eben wie Dichtung", sagte er immer wieder.

"Theo", der sich mit der jüngsten und schmerzhaften Geschichte seines Landes auseinandersetzte, erhielt 1995 in Cannes für seinen Migrationsfilm "Blick des Odysseus" den Großen Preis der Jury, reagierte aber sauer, weil man ihm nicht die Goldene Palme zugesprochen hatte. "Wenn das alles ist, was Sie für mich haben, habe ich nichts zu sagen." Er unternahm aber einen weiteren Anlauf und bekam 1998 für "Ewigkeit und ein Tag" mit Bruno Ganz und Isabelle Renauld dann doch noch die begehrte Trophäe.

Am selben Tag wie "Theo" starb "nach einer kurzen schweren Krankheit" auch der Mime Vadim Glowna - in einem Berliner Krankenhaus im Alter von 70 Jahren. Die "Kulturzeit" (3SAT) würdigte ihn, der an 160 Kino- und Fernseh-Produktionen mitgewirkt hatte, als "wichtigen Protagonisten des Neuen Deutschen Films". Mit "Desperado City" - im April 1981 in Hamburg uraufgeführt - hatte sich Glowna zum ersten Mal als Regisseur vorgestellt. Die im Hamburger Milieu zwischen Eimsbüttel, Altona und St. Pauli angesiedelte Großstadtballade hatte ihm in Cannes die Goldene Kamera eingebracht.

Sein Debüt hatte Glowna 1964 in Johannes Schaafs "Im Schatten der Großstadt" erlebt. Er trat in Krimiserien auf, spielte in Fernsehfilmen wie "Horror" (1969), dann in Sam Peckinpahs Kriegsfilm "Steiner - Das Eiserne Kreuz" (1976), in "Gruppenbild mit Dame" nach Heinrich Böll (1977) oder in dem Autorenfilm "Deutschland im Herbst" (1978). Glowna arbeitete mit den Regisseuren Bertrand Tavernier, Claude Chabrol, Reinhard Hauff und Hans W. Geissendörfer zusammen, drehte unter anderem mit Wolfgang Staudte, George Tabori sowie Jürgen Flimm. Mit Constanze Engelbrecht als Partnerin sah man ihn 1981 in der Verfilmung von Lion Feuchtwangers "Exil". 1983 gab er den "Blaubart" (nach dem Roman von Max Frisch) und 1985 den Oberstudienrat Halm in der ARD-Version der Erzählung "Ein fliehendes Pferd" von Martin Walser.

Seine zweite Regiearbeit war der 1982 in den USA gedrehte Film "Dies rigorose Leben", der bei den 33. Berliner Filmfestspielen eine "lobende Erwähnung für Entwicklung neuer filmischer Formen" bekam. 1984 führte Glowna erstmals bei einer Fernsehdokumentation Regie. Es entstand die Produktion "Tschechow in meinem Leben", für die er seine damalige Frau Vera Tschechowa mit der Kamera auf einer Reise nach Russland begleitete.

Vor die Kamera kehrte Glowna 1990 als Rechtsanwalt Donald Anders in der sechsteiligen Georges-Simenon-Reihe des ZDF zurück. Danach stand er mit Elisabeth Trissenaar für die ARD-Produktion "Scheidung à la Carte" vor der Kamera sowie - im Rahmen einer Tournee-Inszenierung - als "Der letzte der feurigen Liebhaber" in einer Komödie von Neil Simon auf der Bühne. 1995 realisierte Glowna als Regisseur die 14-teilige RTL-Serie "Eine Frau wird gejagt". 1998 zeigten ARD und MDR den Spielfilm "Das elfte Gebot" mit Glowna in der Rolle des Schauspielers Wolf Ahrend, der mit dem Leben und der Arbeit nicht mehr zurechtkommt.

Als wahrer Vielfilmer erwies sich Glowna auch in den folgenden Jahren. Neben einer Vielzahl von Rollen in diversen Serien ragen in der Liste der Filme die Kinoproduktionen "Die Unberührbare" (2000) mit Hannelore Elsner, "Der Alte Affe Angst" (2003) von Oskar Roehler und "Schwabenkinder" (2003) nach einer Romanvorlage von Elmar Bereuter, geschrieben und inszeniert von Jo Baier, heraus. Als Johann Sebastian Bach war Glowna 2004 in Dominique de Rivaz' Kostümfilm "Mein Name ist Bach" im Kino zu sehen. Nach langen Jahren spielte Glowna unter der Regie von Peter Zadek am Deutschen Theater Berlin neben Angela Winkler in "Mutter Courage". Als seine letzte Regiearbeit kam Glownas Film "Das Haus der schlafenden Schönen" (2006) in die Kinos. Bei der Verfilmung des Romans des japanischen Literatur-Nobelpreisträgers Yasunari Kawabata fungierte er in Personalunion als Regisseur, Drehbuchautor, Hauptdarsteller, Co-Produzent und Verleiher.

Die Filmfestspiele von Cannes finden in diesem Jahr eine Woche später statt als ursprünglich geplant. Grund für die Terminänderung ist die Nähe zu den Präsidentschaftswahlen am 22. April, deren mögliche Stichwahlen für den 6. Mai stattfinden würden. Gilles Jacob und Thierry Fremaux, beide Mitglieder in der Auswahlkommission der Festspiele, befürchteten, dass die politischen Ereignisse die kulturelle Veranstaltung in den Schatten hätten drängen können.
Bereits am 26. Februar werden in Hollywood übrigens wieder die Oscars verliehen. Anwärter auf eine der begehrten Trophäen ist Wim Wenders´ "Pina". Die Dokumentation über das weltberühmte Wuppertaler Tanztheater ist für den Doku-Oscar nominiert. Wenders´ Film ist eine Hommage an die 2009 gestorbene Theaterleiterin Pina Bausch.

Rolf Liffers

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