02.02.2012 2

Kunst & Kultur: Widerspenstige Michèle Mercier kommt am 4. Februar zur Vorpremiere ihres ersten Fernsehportraits nach Nizza

Anne Golons Angélique-Bestseller lieferten Steilvorlage zu großer Kinokarriere

Die inzwischen neunzigjährige Anne Golon aus Toulon schrieb die weltberühmten Angelique-Romane. Als ihre Bücher in den sechziger Jahren verfilmt wurden, stand die Männerwelt in Deutschland kopf: Die Hauptdarstellerin, Michèle Mercier aus Nizza, wurde nach der Tropezienne Brigitte Bardot zum zweiten Sex-Symbol jener Dezennien. Am 4. Februar kommt die 73-jährige und unvergessene „Marquise des Anges“ alias Angélique Sancé de Monteloup zur Vorpremiere ihres großen Fernsehportraits „L´Insoumise“ („Die Widerspenstige“) in die Cinémathèque nach Nizza.

Plakat
Auch die Angelique-Filme wurden ein großer Erfolg

Ihr zur Seite zwar nicht ihr Geliebter als Angélique, Robert Hossein, dafür aber der Regisseur des 55-Minuten-Dokumentar-Oeuvres, Jean-Yves Guilleux. Die Moderation des ersten Portraits überhaupt, dem die Künstlerin zustimmte, wird der Schriftsteller, Journalist und Kinohistoriker Henry-Jean Servat aus dem südfranzösischen Montpellier übernehmen.

Als Anne Golon, die eigentlich Simone Changeux hieß, 19 Jahre wurde, war noch kein Denken an großen Ruhm. Sie flüchtete mit dem Fahrrad vor der einmarschierenden deutschen Armee und schlug sich so bis Spanien durch.
Erst nach dem Krieg begann die Tochter eines Marinekapitäns unter verschiedenen Psyeudonymen zu schreiben.

Nachdem sie einen Literaturpreis für „La Patrouille de Saint Innocent“ erhalten hatte, entschloss sie sich in den Kongo zu reisen, um Stoff zu sammeln für einen Roman über das Ende der Kolonialisierung. Dort traf sie den russischen Aristokraten Wsewolod Sergejewitsch Golonbinoff (1903-1972), der sein Land während der Revolution 1917 mit seinen Familienangehörigen verlassen hatte. Von Beruf war er Geologe und Chemiker und sprach elf Sprachen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich mit der Untersuchung von Goldvorkommen in China, Indochina, Laos und zuletzt in Afrika, wo er auf die junge französische Journalistin traf. Sie kehrten zusammen nach Frankreich zurück und begannen gemeinsam, erste, jedoch wenig nachgefragte Bücher zu verfassen. Das Paar nannte sich damals erstmals Serge und Anne Golon. Der Verlagsleiter gab ihnen schließlich den Tipp, sich historisch-abenteuerliche Frauenromane auszudenken.

Da Anne Golon zu der Zeit in Versailles wohnte, sollte der Angélique-Roman in der Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV. spielen. Nach dreijährigem Milieu- und Quellenstudium wurde 1957 in Frankreich ihr 900-seitiger Roman „Angélique Marquise des Anges“ unter dem Künstlernamen Anne Golon veröffentlicht. 900 Seiten - das war den Verlegern nun doch zu viel gewesen. So erschien das Manuskript in zwei Bänden, und die „Angélique“-Reihe wurde zu einem der spektakulärsten Bucherfolge aller Zeiten.

Die Erstveröffentlichung erfolgte übrigens keineswegs in Frankreich, sondern schon 1956 in Deutschland unter dem Titel „Angélique“ bei Blanvalet. Die ungeheure Nachfrage führte zu einer ganzen Serie weiterer Romane um Angélique, die den anfangs ungeliebten Joffrey de Peyrac heiraten muss, ihn durch Intrigen verliert, für tot hält und später als Mittelmeer-Piraten wiederfindet.

Die Golon schrieb an der Welt der Angélique weiter, bis 1985 der letzte Roman erschien, „Angélique triumphiert“. Insgesamt erschienen die Romane in 45 verschiedenen Sprachen und bei 320 verschiedenen Herausgebern.

Als bereits sieben Bände der Saga vorlagen, entdeckte auch das französische Kino die Abenteuer der jungen Schönheit Michèle Mercier. 1964 wurde der erste Roman „Angélique“ („Angélique, marquise des anges“) verfilmt. Regisseur Bernard Borderie entschloss sich, zeitgleich auch den zweiten Teil zu drehen. So erschien bereits 1965 „Angélique, 2.
Teil“. Neben Michèle Mercier und Robert Hossein standen der später in Italo-Western bekannt gewordene Giuliano Gemma und Robert Hoffmann, der Robinson Crusoe aus dem ZDF-Vierteiler, sowie der deutsche Charakterdarsteller Charles Regnier mit vor der Kamera. Übrigens entstanden auch zwei türkische Angélique-Filme. Auch darin mußte die kaum verhüllte junge Adelige den verunstalteten, aber reichen Grafen heiraten, weil das elterliche Gut in wirtschaftlichen Schwierigkeiten geraten war. Letztendlich verliebt sie sich aber doch in ihn und ist fassungslos, als ihn der neidische König wegen Hexerei auf dem Scheiterhaufen verbrennen will, dem sie nunmehr Rache schwört.

Michèle, Tochter eines Nizzarder Apothekers und einer Italienerin, hatte ihre Karriere als Balletttänzerin an der Opéra de Nice und begonnen und es bis zur Solotänzerin gebracht. Mit siebzehn Jahren ging sie an das Ballett der Pariser Oper unter Roland Petit und nahm privaten Schauspielunterricht.

Nach kleinen Rollen wurden einige Filmleute auf die talentierte Schauspielerin aufmerksam (u.a. spielte sie das barbusige Betthäschen von Charles Aznavour in François Truffauts „Schießen Sie auf den Pianisten“ und mit Ingrid Bergmann, Anthony Perkins und Yves Montand in „Lieben Sie Brahms?“), bis sie schließlich von Borderie entdeckt wurde und er mit ihr die Angélique-Sequenz drehte. Unter Wolfgang Liebeneiner war sie in „Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand“ dabei.

Doch war es mit Michèle Mercier und Angélique ein bisschen so wie bei Romy Schneider und Sisi: Die Filme hatten zwar einen immensen Erfolg, andererseits blieb das Image so sehr an den Titelheldinnen haften, dass sich Michéle zu beschwören veranlasst sah: „Ich bin nicht wirklich Angélique.“

In den 70er Jahren erhielt Michèle nur noch kleinere Rollen in zweitklassigen Filmen. Damit bahnte sich das Ende ihrer schauspielerischen Karriere an. Ab 2000 erschienen mehrere ihrer Bücher, die sowohl von ihr selbst, von ihrer Rolle als leidige Angèlique als auch von anderen Themen handelten.


Rolf Liffers

www.cinematheque-nice.com

Share |

Zurück

Kommentare

Kommentar von Hanna Beuerlein | 05.02.2012

Ich möchte bitte gerne wissen, ob das von Anne Golon angekündigte letzte Buch schon veröffentlicht wurde.
Danke. Mit freundlichen Grüßen, H.Beuerlein

Kommentar von Redaktion | 18.03.2012

Die Originalausgabe ist 2007 auf Französisch erschienen. Titel "Angélique 05. Ombres et lumières dans Paris" (Éditions du Refuge, Lausanne). In Deutsch ist das Buch am 16. Januar 2012 auf den Markt gekommen. Titel: "Angélique in den Gassen von Paris" (Verlag Blanvalet)

Rolf Liffers

Einen Kommentar schreiben

Copyright Mediterraneum Editions sarl. Teilen Sie unsere Artikel gerne mit Freunden und Bekannten, aber bitte nutzen Sie dazu ausschließlich die oben stehenden "Share-Werkzeuge". Bitte schneiden Sie keine Artikel von rczeitung.com aus, um sie im Web oder in Blogs weiterzuverwerten.

Kommentare

Bitte loggen Sie sich ein um einen Kommentar zu diesem Artikel zu hinterlassen.