18.02.2012 0
Italienische Riviera: In Torre Paponi fielen 1944 Unschuldige einem Überfall der deutschen Wehrmacht zum Opfer
Das vergessene Massaker
Schüsse hallten im Morgengrauen durch die stillen Gassen des Dörfchens Torre Paponi. Man schrieb den 14. Dezember 1944. Wenig später schlugen Flammen aus einigen Häusern, deutsche Soldaten und italienische Faschisten durchkämmten die Wohnungen. Vier Männer wurden abgeführt und auf einem Lastwagen in die Kommandozentrale nach Sanremo gebracht, der unter anderem das «Marina Jagdkommando» zum Kampf gegen die Partisanen unterstellt war. Nach stundenlangen Verhören ließ man die vier mit den Worten frei: «Geht heim und sagt euren Leuten, dass ihnen nichts geschieht, wenn sie in ihren Häusern bleiben.»
Die Ouvertüre
Maria Antonietta Papone, heute 88, springt erregt auf. Damals war sie 21. Noch heute erinnert sie sich an alle Einzelheiten jenes Donnerstags vor 67 Jahren, der Ouvertüre des ungeheuren Massakers von Torre Paponi. Von graziler Gestalt, wie so viele betagte Italienerinnen ganz in Schwarz gekleidet, ein goldenes Kreuz um den Hals, funkelt sie uns mit dunklen Augen an: «Natürlich haben wir ihnen nicht getraut! Schon lange schliefen die Männer und Jungen nicht mehr zu Hause, aus Angst, deportiert zu werden. Viele hatten ihre männlichen Angehörigen in den Trockenmauern der Olivenhaine von außen eingemauert und brachten ihnen heimlich zu essen – immer unter der Gefahr, entdeckt zu werden.»
Wir sitzen in der gemütlichen Küche ihres Hauses. Ein Feuer prasselt im Herd. Wir – das sind Maria Antonietta, ihr Neffe Leonardo, von Beruf Architekt und Restaurator, dem die Geschichte seines Geburtsortes sehr am Herzen liegt, und ich, die deutsche Journalistin. Leonardo hatte seine Tante auf unser Gespräch vorbereitet, denn auch heute noch sind einige der Überlebenden auf die Deutschen nicht gut zu sprechen. Maria Antonietta gehört nicht zu ihnen: «Es war Krieg», sagt sie, als wäre das eine Entschuldigung. «Unser Zorn richtet sich viel mehr gegen die Faschisten, die ihre eigenen Landsleute verraten haben.» Beiden ist es wichtig, dass die Öffentlichkeit endlich erfährt, was damals passiert ist.
«Am Abend des 14. Dezembers 1944 waren wir zwar verängstigt, aber auch wiederum beruhigt. Wir dachten, dass es bei dieser Episode bleiben würde», erzählt die Hausherrin weiter. Doch dann kam der 16. Dezember. Wieder wurden die etwa hundert Einwohner frühmorgens durch Schüsse aufgeschreckt. Vier von Maria Antoniettas Brüdern hatten sich wie immer in der campagna versteckt. Ihr Vater beschloss jedoch, das neu erbaute Haus zu bewachen, das zwei Tage zuvor teilweise abgebrannt war.
Das Inferno
Plötzlich das Inferno. Nach der Umzingelung des Dorfes stürmten deutsche Soldaten und ita-lienische Faschisten den Ort. Sie trieben die Frauen und Kinder in die Kirche und schossen auf alle Männer, die ihnen über den Weg liefen. Vater Papone starb hingegen in seinem Haus unter den Kugeln der Angreifer. Die Hände der alten Italienerin zucken unruhig, als sie sich das vor so vielen Jahren Erlebte wieder gegenwärtig macht. Wie etwa das Schicksal der Priester von Torre Paponi und dem nahen Lingueglietta. Letzterer hatte die Glocken geläutet – was die Deutschen als Warnung für die Partisanen werteten. Beide verbrannten bei lebendigem Leibe.
Einer der Bewohner war vor kurzem Vater von Zwillingen geworden und hielt einen der Säuglinge im Arm, als die Soldaten den Ort überfielen. Ihm wurde bedeutet, das Kind seiner Frau zu geben, dann brachten sie auch ihn um.
«In einer Gasse stand mit einem Mal ein Deutscher mit einem Gewehr vor mir», erinnert sich der zweitjüngste Bruder Giuseppe, der damals zehn war. «Er hatte auch Angst, das merkte ich, und machte mir verstohlen ein Zeichen, als wollte er sagen: ‘Es passiert Dir nichts!’»
Zuflucht Kirche
«Sie haben 15 Minuten unaufhörlich geschossen», sagt Maria Antonietta. «Als wir aus dem Fenster schauten, sahen wir ein Meer von Stahlhelmen. Ein riesengroßer Soldat stieß die Tür auf. Als er meine Mutter, meinen kleinen Bruder und mich sah, schoss er in die Mauer neben uns. Wir waren vor Angst völlig von Sinnen. Tagelang wagten wir uns nicht aus der Kirche.»
Nach drei Tagen kamen Leute aus Civezza und brachten den Unglücklichen etwas zu essen – Suppe, Kakifrüchte und Äpfel. Bis heute haben die Menschen von Torre Paponi diese Geste nicht vergessen. Helfer des Roten Kreuzes, damals hieß es UMPA, bargen die Toten und brachten sie ohne Sarg auf den Friedhof, erst später konnten sie kirchlich bestattet werden.
Warum?
Die Frage nach dem Warum konnte bis auf den heutigen Tag nicht klar beantwortet werden. Maria Antonietta Papone hat ihre eigene Theorie: «Bei uns im Dorf wohnte eine gewisse Giuseppina, die Französisch sprach und sich vielleicht wichtig machen wollte. Am 14. Dezember sagte sie zu einer vorbeiziehenden Gruppe der deutschen Wehrmacht, sie sollten besser nicht die Straße benutzen, weil dort Gefahr von Partisanen-Angriffen bestünde. Sie riet ihnen, den Fußweg über Torre Paponi einzuschlagen. Hätte sie doch besser geschwiegen! Vielleicht wäre dann alles ganz anders gelaufen.»
Fast jede Familie verlor einen oder mehrere enge Angehörige. Die sieben Geschwister Papone überlebten alle. Heute wohnen nur noch 43 Personen hier. Zehn von ihnen sind Zeitzeugen des Massakers. Tatsache ist, dass es in Torre Paponi selbst keinerlei Aktivitäten von im Widerstand wirkenden Personen gab.
Anders hingegen war die Situation im Argentina-Tal, in den Gebieten des Prino und des Monte Faudo wie auch in Pietrabruna. Hier kam es ständig zu Übergriffen seitens der Partisanen, hier versteckten sie sich, lagerten Waffen und Lebensmittel.
Die Deutschen wiederum machten immer wieder Jagd auf die Widerständler. So war für den 16. Dezember 1944 offenbar eine groß angelegte Aktion im gesamten Tal geplant. Doch die Partisanen waren zu jenem Zeitpunkt längst über alle Berge und in Torre Paponi waren sie nie gewesen.
Was mit dem Überfall auf das Dorf bezweckt werden sollte, bleibt im Dunkeln. Sollten die Feinde aus ihren Verstecken gelockt werden?
Nicht auszuschließen ist ebenfalls die These, dass Zivilisten getötet wurden, um den «Erfolgsbericht» zu beschönigen, indem die Opfer als Partisanen ausgegeben wurden. Es kann auch sein, dass das Massaker in Torre Paponi planlos durchgeführt wurde und völlig außer Kontrolle geriet. Dass jeder einfach auf alles schoss, was sich bewegte. Eine endgültige Antwort wird es wohl nie geben.
Viele Jahre nach Kriegsende erhielt Don Nerino, der ein halbes Jahrhundert Priester in Torre Paponi war, einen Brief. Er stammte von einem deutschen Kommandanten, der die Bevölkerung in seinem Schreiben um Verzeihung bat.
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